“Das letzte Fest” – Interview von Frau Heike Schülein mit der Autorin des Buches Frau Nicole Rinder

Den Tod begreifen und bewusst Abschied nehmen

Nicole Rinder stellt am Montag, den 14.10.2013 um 19 Uhr im Kronacher Pfarrzentrum „St. Johannes“ das Buch „Das letzte Fest“ vor. Der Ratgeber bietet ganzheitliche und überkonfessionelle Ansätze, um die Zeit des Abschieds individuell und würdevoll zu gestalten. Initiator ist der Hospizverein Kronach

München/Kronach- Nicole Rinder führt zusammen mit Florian Rauch das Bestattungsunternehmen AETAS. Als sie ihren gerade geborenen Sohn nach nur vier Tagen verlor und dabei die tröstende Erfahrung machte, genügend Zeit für den Abschied zu haben und ihn intensiv zu erleben, wollte sie dies auch anderen Menschen ermöglichen. Die Arzthelferin machte eine Ausbildung als Geburtsvorbereiterin, um Rückbildungskurse speziell für Frauen nach einer Totgeburt oder einem Neugeborentod anzubieten. In einem Interview mit unserer Zeitung spricht sie über ihren Werdegang, ihre tägliche Arbeit und das Buch, das sie gemeinsam mit Florian Rauch geschrieben hat.

Warum machten Sie eine Ausbildung als Geburtsvorbereiterin?

Rinder: Nach dem Tod meines Sohnes lernte ich mehrere Frauen mit einem ähnlichen Schicksal kennen. Einige wurden relativ schnell wieder schwanger und suchten einen Geburtsvorbereitungskurs, in dem nicht „normal“ Schwangere teilnehmen. Ich machte mich auf die Suche, ob es so etwas gibt und merkte, dass kein Angebot vorhanden ist. Ich informierte mich, welche Ausbildung man benötigt, um solche Kurse geben zu dürfen. Die Ausbildung als Geburtsvorbereiterin bietet die Gesellschaft für Geburtsvorbereitung in Düsseldorf an. Sie geht über zwei Jahre, berufsbegleitend. Hier machte ich meine Ausbildung. Seit 2001 biete ich Rückbildungskurse und Geburtsvorbereitungskurse bei AETAS an.

Wie kam es dazu, dass Sie das Bestattungsunternehmen AETAS mit führen?

Rinder: Florian Rauch, der 2000 das Bestattungsunternehmen AETAS gegründet hatte, fragte mich, ob ich auch Eltern begleiten möchte. Dies tue ich jetzt seit 2001. Schnell ergab sich für mich als Schwerpunkt das Begleiten von Eltern, bei Suiziden, Unfällen und plötzlichen Todesfällen; ich wurde somit für diese Fälle „Spezialistin“. Ich begann die Ausbildung zur Trauerbegleiterin beim Münchner Institut für Trauerpädagogik – ebenfalls eine zweijährige berufsbegleitende Ausbildung – und fing an, mich intensiv mit dem Thema Tod und Trauer auseinanderzusetzen. Herr Rauch erkannte schnell mein Engagement und mein Wissen und so wurde ich zu seiner Vertretung. Ich bin nun für das Personal zuständig, die Qualität unserer Arbeit und die Konzeptentwicklung unserer Firma.

Warum haben Sie das Buch „Das letzte Fest“ geschrieben?

Rinder: Wir hatten das Glück, dass ein Verlag auf uns zukam und meinte, dass es doch ganz schön wäre, wenn wir über unsere Arbeit und Erfahrungen ein Buch schreiben würden. So begann das Projekt „Das letzte Fest“, was über ein Jahr dauerte. Es war spannend zu sehen, wie ein Buch entsteht – von der Idee bis zum fertigen Exemplar, das man in Händen hält.

Was war Ihnen beim Schreiben des Buches besonders wichtig?

Rinder: Wichtig in unserem Buch war uns von Anfang an, dass es nicht schwarz und trist wird, sondern bunt. Wir sagen nämlich immer, dass „Das letzte Fest“ überhaupt nicht dunkel und schwarz sein muss, sondern dass sich das Leben des Verstorbenen widerspiegeln darf. Und jedes Leben ist bunt und ganz unterschiedlich. Ebenso zeigen wir in unserem Buch, dass man es trotz eines schweren Schicksals schaffen kann, wieder ein „gutes“ Leben führen zu können und zwar, indem ich den Tod nicht verdränge, sondern in mein Leben integriere und offen damit umgehe.

Worin unterscheidet sich Ihr Bestattungsunternehmen von anderen?

Rinder: Wir unterscheiden uns von unseren Kollegen darin, dass bei uns alle eine Trauerbegleiter-Ausbildung absolviert haben und keine sogenannten Sachbearbeiter sind. Ebenso begleitet jeder den Angehörigen vom Gespräch über den Abschied bis zur Beerdigung, das heißt es gibt einen Ansprechpartner. Wir haben eigene Abschiedsräume und eine Trauerhalle, in der ganz individuelle Trauerfeiern gestaltet werden können und wir somit nicht mehr vom Friedhof und den Zeiten abhängig sind. Ebenso gibt es ein großes Nachsorgeangebot für unsere Trauernden. Für uns ist die Begleitung nicht am Tag der Beisetzung beendet, sondern wir sehen, dass es nach der Beerdigung mit der Trauerbewältigung erst „los“ geht – nämlich dann, wenn sich niemand mehr meldet und niemand mehr die Tränen aushält.

Wie sieht Ihre tägliche Arbeit aus?

Rinder: Unsere tägliche Arbeit besteht darin, dass wir das Erstgespräch mit den Angehörigen führen, bei dem geklärt wird, welche Vorstellungen sie von der Bestattung haben. Dann fängt die Büroarbeit an. Es muss alles organisiert werden – der Beerdigungstermin, das Schalten der Traueranzeige, das Drucken der Karten … Meist gibt es den zweiten Termin zum Abschied am offenen Sarg in unserem Haus. Da begleiten wir dann die Familien und Freunde und wir sind anwesend. Der dritte Termin ist die Beerdigung. Wir sind immer mit vor Ort. Wir schmücken die Aussegnungshallen mit Blumen, Kerzen und Tüchern und sind die Vertreter zwischen den Angehörigen und den Friedhofsangestellten. Meine Arbeit sieht mittlerweile ein wenig anders aus, da ich kaum noch Begleitungen mache – nur ganz „besondere“ und schwierige Fälle. Ich bin den ganzen Tag Ansprechpartnerin und Ausbilderin für das Personal – teile ein, wann und wo welcher Verstorbene hin muss. Ich bin für unsere Veranstaltungen im Haus zuständig – unsere Jahresandacht, Sommerfest, Fachtagungen… Derzeit gründe ich mit Herrn Rauch zusammen eine AETAS-Kinderstiftung, in der trauernde, traumatisierte Kinder betreut werden. Daher mache ich momentan auch wieder eine neue Ausbildung zur Traumafachberaterin.

Was erwartet die Gäste bei ihrem Vortrag in Kronach?

Rinder: Ich werde AETAS vorstellen – wer wir sind und ich werde anhand von Abschiedsritualen und Praxisbeispielen aus der täglichen Arbeit berichten. Der Vortrag ist für alle Menschen, die offen für das Thema sind und sich dafür interessieren, beruflich damit zu tun haben oder sich Gedanken über ihr eigenes letztes Fest machen möchten.

Wie ist der Kontakt mit Kronach entstanden? 

Rinder: Der Kontakt kam über unseren Ghostwriter, Herrn Linde, zustande. Die Kronacher Zeitungen hatten unser Buch beworben und dann kam die Anfrage, ob ich einen Vortrag halten möchte.

 

Wie wichtig ist die Arbeit von Hospizvereinen?

Rinder: Das ist eine sehr wertvolle und wichtige Arbeit. Wir arbeiten mit den Hospizen vor Ort eng zusammen, da wir alle die ähnliche Philosophie leben, dass Menschen im Angesicht von Sterben und Tod gut begleitet werden sollten, um mit dieser Erfahrung dann auch „gut“ weiterleben zu können.

Die Fragen stellte Heike Schülein. hs

Buchvorstellung „Das letzte Fest – Neue Wege und heilsame Rituale in der Zeit der Trauer“: Bewusst Abschied nehmen – heilsam trauern – ein neuer Weg der Trauerarbeit:Wenn wir begreifen, dass Sterben, Tod und Trauer ebenso zum natürlichen Lebensbogen jedes Menschen gehören wie die Freude über Liebe, Heirat, Geburt, kann eine neue Form der Trauerkultur entstehen. Einfühlsam wendet sie sich an Angehörige, Trauerbegleiter und an Menschen, deren Tod bevorsteht und die ihr letztes Fest aktiv mitgestalten möchten. Wer Interesse hat, kann nach dem Vortrag das Buch käuflich erwerben und von Nicole Rinder signieren lassen. Die Buchhandlung „Lesezeichen” stellt einen Büchertisch zusammen. Der Eintritt ist frei, Spenden sind jedoch zu Gunsten des Hospizvereins erwünscht.