Zeitungsbericht von Frau Heike Schülein über den Vortrag von Frau Nicole Rinder “Das letzte Fest”

IMGP5365Trauern individuell und ganzheitlich

Nicole Rinder stellte – auf Initiative des Hospizvereins Kronach – am Montag das Buch „Das letzte Fest“ vor. Der Ratgeber bietet ganzheitliche und überkonfessionelle Ansätze, um die Zeit des Abschieds individuell und würdevoll zu gestalten.

Kronach- „Vom Sterben lernen, heißt leben lernen“ – Dies war sicherlich eine der zentralen Botschaften des tief berührenden Abends im Kronacher Pfarrzentrum. Nicole Rinder stellte ihr Bestattungsunternehmen Aetas Lebens- und Trauerkultur vor, das sie gemeinsam mit Florian Rauch leitet. Anhand von Abschiedsritualen und Praxisbeispielen berichtete sie von ihrer täglichen Arbeit im Umgang mit dem Tod. Wer nicht intensiv trauern könne, könne auch nicht intensiv leben, meinte sie. „Die Menschen kommen zu uns, um zu trauern, aber auch um ihr Wohlbefinden wieder zu finden“, erklärte Nicole Rinder, die auch Passagen aus ihrem – mit Florian Rauch verfassten – Buch „Das letzte Fest – Neue Wege und heilsame Rituale in der Zeit der Trauer“ vorlas. Bewusst Abschied zu nehmen und heilsam zu trauern, stelle einen neuen Weg der Trauerarbeit dar. Wenn man begreife, dass Sterben, Tod und Trauer ebenso zum natürlichen Lebensbogen jedes Menschen gehöre wie die Freude über Liebe, Heirat, Geburt, könne eine neue Form der Trauerkultur entstehen.

Nicole Rinder arbeitete bis vor zehn Jahren als Arzthelferin in der Patientenaufnahme eines Gynäkologen. Nie hätte sie sich träumen lassen, bei einem Bestatter zu arbeiten – bis sie ihren gerade geborenen Sohn verlor und dabei die tröstende Erfahrung machte, genügend Zeit für den Abschied zu haben und ihn intensiv zu erleben, gemeinsam in der Familie zu trauern, zu lachen und zu weinen und dabei den Schrecken vor dem Sarg und dem Tod zu verlieren: Genau das wollte sie auch anderen Menschen ermöglichen. Durch die einfühlsame Begleitung beim Tod ihres Sohnes und die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema, entschloss sie sich zudem, eine Ausbildung als Geburtsvorbereiterin zu machen. Ihr Ziel war es, Rückbildungskurse speziell für Frauen nach einer Totgeburt oder Neugeborenentod anzubieten. „Nach dem Tod meines Sohnes lernte ich mehrere Frauen mit einem ähnlichen Schicksal kennen. Einige wurden bald wieder schwanger und suchten einen Geburtsvorbereitungskurs, in dem nicht „normal“ Schwangere teilnehmen. Ich machte mich auf die Suche, ob es so etwas gibt und merkte, dass kein Angebot vorhanden ist“, erzählte sie. Nicole Rinder führt heute das Bestattungsunternehmen Aetas mit Florian Rauch – dem Mann, der ihr Kind begraben hat.

Gemeinsam bieten die beiden engagierten Bestatter in ihrem Praxis-Ratgeber neue ganzheitliche Ansätze, um die Zeit der Trauer individuell zu gestalten. So änderten sich in einer Gesellschaft, die in Glaubens-und Wertvorstellungen vielfältiger geworden sei, die Bedürfnisse der Menschen im Trauerfall. Die althergebrachte – meist konfessionell geprägte – Beerdigungskultur werde diesen Ansprüchen häufig nicht mehr gerecht. Dieses Buch hilft in sehr sensibler Art, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, indem es ausführlich das Thema Trauer betrachtet – aber auch Rituale und neue Wege aufzeigt, beispielsweise eine Beerdigung bewusst zu einem Fest zu gestalten. So feinfühlig und warmherzig wie in ihrem Buch, so erzählte sie auch in Kronach über ihre tägliche Arbeit. Dabei seien die Angehörigen oft überrascht, dass es so viel Gestaltungsfreiheit gibt.

Schnell habe sich bei ihrer Arbeit als Schwerpunkt das Begleiten von Eltern, bei Suiziden, Unfällen und plötzlichen Todesfällen herausgestellt. Nunmehr ist sie für das Personal zuständig, die Qualität der Arbeit und die Konzeptentwicklung von Aetas. Das Buch entstand auf Anregung eines Verlags, der sie bat, ihre Arbeit und Erfahrungen niederzuschreiben. Dabei war es den Autoren wichtig, dass das Buch nicht schwarz und trist wird, sondern bunt – wie das Leben der Verstorbenen. Derzeit gründet Nicole Rinder mit Florian Rauch eine Aetas-Kinderstiftung, in der trauernde, traumatisierte Kinder betreut werden.

Dem Vortrag, bei dem sie auch viele Bilder aus ihrer täglichen Arbeit zeigte, schloss sich eine Diskussion an. Die Redebeiträge verdeutlichten, dass es an der Zeit ist, dass wir uns alle etwas mehr mit dem Tabuthema Sterben und Tod beschäftigen. Ingrid Steinhäußer zeigte sich dankbar, dass Nicole Rinder einen neuen Zugang zum Thema Trauer aufgezeigt habe – und zwar in sehr würdevoller und respektvoller Art. Der 1. Vorsitzende des Hospizvereins Kronach, Dr. Peter Witton, bedankte sich bei den erfreulich vielen Gästen für ihr Interesse und überreichte der Referentin ein Geschenk. hs

 

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