„Alles Philosophieren ist Sterben lernen“

Den Hospizverein Kronach gibt es seit 25 Jahren. Gefeiert wird mit einer Veranstaltungsreihe. Den Auftakt bildete am Montag ein eindrucksvoller Vortrag von Prof. Dr. Thomas Bohrer.

Kronach- „Philosophieren heißt Sterben lernen“ – Dieses Zitat des französischer Philosophen Michel de Montaigne wählte Prof. Dr. Thomas Bohrer als Überschrift seiner beeindruckenden Ausführungen. Trotz der wahrlich „nicht leichten Kost“ hatten sich hierzu rund 90 Interessierte in der Kronacher Synagoge eingefunden. „90 % aller Menschen in Deutschland sterben im Krankenhaus oder Pflegeheim, obwohl 76 % zuhause sterben möchten“, erläuterte eingangs der Chefarzt für Thorax-Chirurgie am Klinikum Kulmbach, der vor allem drei Fragestellungen beleuchtete: „Was ist der Tod?“, „Wer ist das Subjekt von Sterben und Tod?“ und – ethisch -„Wie ist mit Sterbenden umzugehen?“  

Sehr verständlich schilderte er die abendländische Vorstellung aus philosophiegeschichtlicher Perspektive, deren Anfänge 2.500 Jahre zurückreichen. Exemplarisch stellte er hierfür verschiedene klassische Denker der westlichen Zivilisation schlaglichtartig vor. Aristoteles (384 – 342 v. Chr.) differenzierte klar zwischen Leben und Tod. Das Ende wird von ihm als Vollendung gesehen und macht für ihn das eigentlich Menschliche aus. Ein Fortleben der Seele gibt es nach Aristoteles jedoch nicht. Eine gegensätzliche Meinung hat der Philosoph Thomas von Aquin (1225 – 1275 n. Chr.), als typischer Repräsentant des Mittelalters. Für ihn steht der Tod der Glückseligkeit des Menschen im Wege. Die Begrenzung des Menschen ist für ihn ein Ausdruck des Mangels. Der Begründer der modernen Philosophie, René Descartes (1596 – 1650 n. Chr.), war der erste Philosoph, der mechanischen Gesetzen eine uneingeschränkte Gültigkeit innerhalb der Natur des Menschen – auch in Bezug auf Leben und Tod – zuordnete. Wichtigste Erkenntnis seiner Philosophie war die Einführung des sogenannten anthropologischen Dualismus – einer Theorie der Trennung von Körper und Seele. Eine der modernsten Auffassungen hinsichtlich der Thematik vertritt Martin Heidegger – einer der größten Philosophen des vergangenen Jahrhunderts aus Deutschland. Er lebte von 1889 bis 1976. Sterben und Tod sind bei ihm Verwirklichung des Menschen. Für ihn stellen sie sogar die Manifestation der Würde und Autonomie des Menschen selbst dar.     

„Philosophie als Schwester der Medizin“ (Tertullian)

„Sterben ist immer noch ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. Es wirkt bedrohlich und krankhaft. Wir haben Angst davor“, zeigte sich der Professor sicher. Sehr bedauerte er es, dass das Philosphicum als einstmals fester Bestandteil des Medizinstudiums abgeschafft und 1861 durch das Physicum ersetzt wurde. Das Medizinstudium wurde dadurch im Geiste der Zeit naturwissenschaftlich geprägt; medizinethische und geisteswissenschaftliche Ausbildungsinhalte rückten in den Hintergrund. Dabei hielten gelehrte Ärzte eine naturphilosophische Basis bei der Ausübung ihrer Tätigkeit für unverzichtbar – wie Tertullian, für den die Philosophie die „Schwester der Medizin“ ist. Da nach Meinung vieler Medizinstudenten und Ärzte – gerade in Anbetracht unseres hochtechnisierten Krankenhausalltags – Humanität, Ethik und Philosophie zu kurz komme, wird seit dem Sommersemester 2010 wieder ein Philosophicum an der Universitätsklinik Würzburg angeboten. Einer der Referenten ist auch der Professor, der sich sicher zeigt: „Die Frage nach dem guten Sterben beinhaltet immer die nach dem guten Leben.“ Wir könnten im Sinn der Philosophie sterben lernen, wenn wir uns mit unserer eigenen Endlichkeit auseinandersetzten.  

„Wir sterben nicht, weil wir krank sind, sondernweil wir leben“ (Montaigne)     

Bezüglich der heutigen Situation müsse man kritisch hinterfragen, ob es tatsächlich eine Errungenschaft der modernen Medizin sei, heute im Krankenhaus zu sterben. Positive Entwicklungen seien die Patientenverfügung wie auch die Palliativmedizin. Perspektiven für die Zukunft sollten eine zunehmende Verbreiterung des Wissens um Sterben und Tod sein, die Weiterentwicklung der medizinischen Ethik, die Möglichkeit, zuhause sterben zu dürfen, eine verstärkte Verankerung der Autonomie des Patienten und diesbezüglich eine verstärkte Zusammenarbeit von Hausarzt,  Klinikärzten und Pflegekräften.

In der Diskussion wurde – basierend auf Erlebnissen im Freundeskreis – ein teilweise „pervertiertes Menschenbild“ der Onkologie angeprangert. Der Tod werde als Feind betrachtet; Todkranke bis zum Schluss „gequält“. Leider seien, so der Professor, nur bestimmte Krebsarten gut heilbar. Man müsse genau hinschauen, was Sinn mache und was nicht. Dabei verhehlte er nicht, dass mit der Onkologie viel Geld zu verdienen sei – wie mit teuren Immuntherapien, die den Tod lediglich um Wochen hinauszögerten. Weiter kam die Frage auf, wie man Hinterbliebene bei plötzlichen Todesfällen beispielsweise von jungen Menschen beistehen könne. Laut dem Professor gebe es keine Leitlinie. „Das Schlimmste aber ist die Gleichgültigkeit, das Wegsehen“, verdeutlichte der Chefarzt, dem Hospizvereins-Vorsitzender Dr. Peter Witton abschließend für seinen fulminanten Vortrag dankte.

Hospizverein feiert 25-jähriges Jubiläum

Die Besucher waren eingangs von der stellvertretenden Hospizvereins-Vorsitzenden Anja Männl begrüßt worden. Diese zeigte sich stolz auf 25 Jahre Hospizverein Kronach, in denen man Schwerstkranken und Sterbenden sowie ihren Angehörigen beigestanden habe. Ermöglicht hätten dieses die Mitglieder, Freunde und Gönner sowie insbesondere die Hospizbegleiter, die die kostbarste Währung überhaupt – ihre Zeit – spendeten. Mit einer übers Jahr verteilten Veranstaltungsreihe wolle man ihnen allen etwas zurückgeben. Beim Titel des Vortrags seien ihr zwei Gedankengänge gekommen – Zum einen, wie weit man sich wissenschaftlich intellektuell dem Sterben nähern beziehungsweise sterben lernen könne und zum anderen, ob durch das mirakulöse Wunderwerk medizinischer Möglichkeiten nicht viel an Menschlichkeit verloren gehe und der Patient zum Wirtschaftsfaktor verkomme. (Heike Schülein)

2. Vorsitzende Anja Männl und 1. Vorsitzender Dr. Peter Witton zusammen mit Prof. Dr. Bohrer
Prof. Dr. Bohrer zusammen mit einem Teil der Vorstandschaft des Vereins.
Prof. Dr. Bohrer bei seinem Vortrag