Pfarrer Schießler sprach in Kronach vor „vollem Haus“

Am Dienstagabend sprach Pfarrer Rainer Maria Schießler im rappelvollen Kronacher Kreiskulturraum über Gott, die Kirche und die Welt. Mit seiner ehrlichen, unverblümten Art nahm der bekannte Münchner Stadtpfarrer alle mit.

Kronach- Ein Stuhl und ein Tisch stehen auf der Bühne bereit. Beides braucht er während der folgenden zweieinhalb Stunden nicht. Ruhig hinsetzen oder stillstehen ist definitiv nicht das Ding von Rainer Maria Schießler. Stattdessen ist der Gottesmann mit den leuchtenden Augen, dem verschmitzten Lächeln und einer gehörigen Portion  Schalk im Nacken an diesem Abend ständig in Bewegung – und dabei stets auf Augenhöhe mit seinem Publikum.

Angekündigt als Lesung aus seinem Buch „Himmel, Herrgott, Sakrament“ zieht es der häufig unkonventionell denkende und arbeitende katholische Pfarrer vor, zu erzählen – von seiner Herkunft, Glaubensprägung und seiner Leidenschaft für einen lebensbejahenden Glauben. Vehement, couragiert, unbequem nimmt er dabei kein Blatt vor den Mund. Immer einen flotten Spruch auf den Lippen, spricht er Tacheles. Zölibat, Frauenpriestertum, Schwulen-Ehe, der Umgang der Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen und mit verheirateten Pfarrern – Kein Thema war ihm dabei zu „heiß“.   

Seit 1993 ist Rainer Maria Schießler Stadtpfarrer in St. Maximilian im Glockenbachviertel und seit 2011 „Nebenbei-Pfarrer“ in der Kirche Heilig Geist am Viktualienmarkt. Für Lesungen oder Vorträge ist er in ganz Deutschland unterwegs. Und auch in Kronach hat er offensichtlich jede Menge Anhänger. Fast 500 Besucher fasst der Kreiskulturraum und so viele waren auch gekommen, um seinem Vortrag zuzuhören. Überwältigt vom diesem  unerwarteten Zuspruch zeigte sich Ingrid Steinhäußer, die seitens des Hopizvereins Kronach die Veranstaltung organisiert hatte – und sie zeigte sich dankbar: „Wir können uns den Kreiskulturraum leisten, weil der Pfarrer kein Honorar verlangt.“ Und mehr als das: Auf seinem ausdrücklichen Wunsch kamen auch alle freiwilligen Spenden komplett dem Hospizverein zugute.

„Ja, auch ihr gehört zu Bayern“, scherzte Schießler eingangs. Den Begriff Kronach als Ort kenne er seit seiner Kindheit, da man damals eine Nachbarin aus Kronach mit großem Heimweg gehabt habe. Daher wisse er auch, dass hier kein „t“ gesprochen werde, was er als sehr liebenswert empfinde. Wie er sein ganzes Pensum an Veranstaltungen außerhalb seines Kirchendienstes schaffe? „Das ist doch ein Klacks im Vergleich zu dem, was ich mit meinem Verein mitmache“, meinte er und hielt voller Stolz seinen heißgeliebten 1860-er Schal in die Höhe. Vom ersten Moment an wurde deutlich, dass sich der Pfarrer nicht als wichtige Person in den Mittelpunkt oder über andere stellt. Mit seiner positiven Art zieht er die Menschen an – und er lässt sie nicht mehr los. Fast kam es einem so vor, als höre man einem Freund bei seinen Erzählungen zu. Immer wieder bringt er sein Publikum mit seinen Erlebnissen, Anekdoten und Witzen zum Lachen, aber auch zum Nachdenken – es war ein Abend mit Tiefgang und Unterhaltungswert, bei dem zweieinhalb Stunden alles andere vergessen schien. Schießler spricht ohne Punkt und Komma, kommt vom Hundertsten ins Tausendste. Es sprudelt nur so aus ihm heraus – und seine Aussagen haben es in sich. Er ist ein Pfarrer aus Leidenschaft, der 24 Stunden am Tag für seine Gemeinde da ist und oft ungewöhnliche Wege geht. Sein alljährlicher „Viecherl“-Gottesdienst, zu dem die Besucher ihre Haustiere mitbringen dürfen, ist – nach  Weihnachten und Ostern – der am drittbesten besuchte Gottesdienst in seiner Pfarrei. An Heiligabend lässt er schon einmal einen DJ auflegen und stößt mit Sekt auf den Geburtstag von Jesus an.  Glauben müsse Freude machen und die Kirche sei kein Ort für Miesepeter. „Gibt es einen besseren Ort, das Leben zu feiern, den Sieg über den Tod als die Kirche?“, fragte er. Leicht sei sein Dienst nicht: „Es ist eine verdammt schwere Kiste, dass jeden Sonntag das Richtige kommt.” Vor einigen Evangelien habe er sogar Bammel, hierüber eine gute Predigt zu halten. Eine Predigt, bei der nichts rüberkomme, sei nämlich nicht einmal für die Katz.

Er redet in einfachen, verständlichen Worten – und er beklagt, dass genau dies in der Kirche fehle; dass viele Menschen mit „Hochgestochenem“ nicht viel anfangen könnten. Dass die Kirche weiter Bestand haben werde, davon zeigt er sich überzeugt. Schließlich sei das „Produkt“, das man verkaufe, „top“ und das Bedürfnis nach Glauben vorhanden. Aber die Kirche werde sich verändern und mit Themen auseinander setzen müssen wie Frauen am Altar und dem Zölibat. „Wir dürfen keine Service-Kirche sein, sondern müssen eine nachlaufende, eine dienende Kirche sein“, prangert er an, dass die Kirche zu wenig auf die Menschen zugehe. Dürfe man menschliche Liebe und die Liebe zu Gott gegeneinander ausspielen? Und dass Menschen unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung einen von ihnen frei gewählten Beruf ergreifen dürfen, sei ein Grundrecht – ebenso wie, dass sie vielleicht erst in der zweiten oder dritten Beziehung glücklich würden. Niemand scheitere aus Bösartigkeit. „Gerade im Scheitern braucht man Kirche“, appelliert er. Die Kirche sei dafür geschaffen, an der Seite der Menschen sein. Dafür müsse sie sich im Wesentlichen von drei Illusionen befreien: „Ich habe alles im Griff. Ich weiß alles besser. Ich habe Recht und du hast Unrecht.“ Deutliche Worte fand er auch zum Reformationsjahr mit dem Aufruf zur Versöhnung: „Ich muss mich nicht versöhnen, denn ich habe mich noch nie an einem evangelischen Christen versündigt“. Seit 2010 teile er sich den Pfarrhof mit einem evangelischen Ruhestand-Pfarrer, Tür an Tür. Dieser unterstütze ihn bei Gottesdiensten und er sei sein bester Freund.

Nach einem innigen Applaus des Publikums, sprach Hospizverein-Vorsitzender Dr. Peter Witton diesem aus dem Herzen: „Wer heute nicht hier war, hat etwas verpasst.” Bei der anschließenden Signierstunde bildeten sich Schlangen wie bei einem Superstar. Dabei schenkte er allen ein freundliches Wort und sein warmes Lächeln – so wie den ganzen Abend über.

Am Dienstagabend sprach Pfarrer Rainer Maria Schießler im rappelvollen Kreiskulturraum. Ehrlich, leidenschaftlich und mitreißend nahm er dabei sein Publikum mit.

Bei der Signierstunde von Pfarrer Rainer Maria Schießler bildeten sich Schlangen wie bei einem Superstar.

(Bericht von Heike Schülein)