Trauer, die unter die Haut geht

Seit Montag ist in der Kronacher Synagoge die Ausstellung „Trauertattoo – Unsere Haut als Gefühlslandschaft“ zu sehen. Initiatoren sind der Hospizverein Kronach und das Bestattungshaus Schönsee.
Kronach- Eine Kinderzeichnung, ein Schmetterling, ein Engelflügel, eine „Hello Kitty”-Figur, ein gebrochenes Herz … Fernsehjournalistin Katrin Hartig und die Fotografin Stefanie Oeft-Geffarth sammelten zwei Jahre lang Geschichten über das Phänomen der Tätowierung als Trauer um den Verlust von Angehörigen oder Freunden. Ihre Ergebnisse haben sie in einem Buch sowie in einer tief berührenden Wanderausstellung festgehalten, die am Montag in der Kronacher Synagoge eröffnet wurde. Rund 20 Tafeln erzählen mit Fotos und Texten die Geschichte von Menschen, die mit einem Trauer-Tattoo die Erinnerung an jene wachhalten wollen, die der Tod ihnen genommen hat. Gleichzeitig ist dieses sichtbare Zeichen auf der Haut für sie auch eine Form der Trauerbewältigung.
„Bilder haben eine enorme Ausstrahlungskraft und sagen oft mehr als Worte“, zeigte sich Hospizvereins-Vorsitzender Dr. Peter Witton in seiner Begrüßung der überaus zahlreichen Besucher sicher. Viele Symbole erschlössen sich leicht – wie Tränen. Andere seien eine ganz persönliche – nicht für jeden ersichtliche – Liebeserklärung und Brücke zum Verstorbenen. „Für den Träger ist sie die bleibende Erinnerung, die er immer bei sich tragen will – anders als ein Bild des Verstorbenen im Portemonnaie“, so der Vorsitzende. Diese ungewöhnliche Form, so seine Trauer zu zeigen, gehe unter die Haut – den Trauernden aber auch den bisherigen Besuchern der Wander-Ausstellung an anderen Orten. Oftmals sei es ein sehr langer, manchmal lebenslanger Prozess bei der Bewältigung von Trennung nach dem Tod eines geliebten Menschen. Die verschiedenen Kulturen hätten unterschiedliche Trauerrituale. Die Ausstellung zeige eine Möglichkeit auf, individuell eine besondere Form der persönlichen Trauer zu finden, die sehr hilfreich sein könne. Es würde ihn freuen, wenn die Ausstellung auf großen Zuspruch stoße und dazu führe, dass eine anfängliche Skepsis – ein „Wie kann man nur“ – von einer freundlichen Akzeptanz und Verständnis abgelöst werde.
Torsten Schönsee, Inhaber des gleichnamigen Bestattungsinstituts, erzählte die Geschichte der tiefgehenden Ausstellung. Katrin Hartig leitet seit Jahren eine Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern und trauernden Geschwister. In den vielen Jahren ist ihr ein Phänomen aufgefallen: Menschen lassen sich in der Trauer tätowieren – sogar solche, die vorher Tattoos verweigernd oder gar verachtend gegenüber standen. Dieser Beobachtung spürte sie mit ihrer Projektpartnerin Stefanie Oeft-Geffarth nach. Es begann mit einer Ausschreibung über social media und mit hunderten Zuschriften von Menschen im Alter zwischen 16 und 70 Jahren. Hieraus wurden eine inhaltliche Sortierung, dann eine optische Auswahl getroffen. Die Autorinnen wollten sich auf drei Ebenen nähern: Über Gespräche mit den tätowierten Trauernden, über eine fotodokumentarische Annäherung und über eine wissenschaftliche Verortung des Phänomens. In den folgenden zwei Jahren wurden mehrere Fotoshootings und Interviews quer durch Deutschland organisiert und viel Material gesammelt. In einem ersten Schritt des engagierten Projektes haben die Autorinnen eine mietbare Wanderausstellung und eine kleines Buch publiziert.
„Ich sehe es als Aufgabe eines Bestattungshauses an, darauf aufmerksam zu machen, dass Trauer Raum und Zeit braucht“, erklärte Schönsee seinen Beweggrund, sich der Thematik angenommen zu haben. Als Bestattungsinstitut sehe man sich auch gesamtgesellschaftich in der Pflicht, Trauer und den langjähriger Trauerbewältigungs-Prozess öffentlich stärker greifbar zu machen und hier unterschiedliche Möglichkeiten aufzuzeigen. „Jeder muss seinen eigenen Weg finden. In der Trauer gibt es kein richtig oder falsch“, betonte er. Trauertattoos stellten sicherlich nicht für alle, aber doch für manche eine geeignete Form dar.
Sein Dank wie auch der des Hopizvereins galt dem Aktionskreis Kronacher Synagoge für die zur Verfügungstellung des würdigen Rahmens für diese würdige Ausstellung sowie die große Unterstützung. Dass die Ausstellung überhaupt an dem Tag eröffnet werden konnte, war zum großen Teil Jochen Gärtner zu verdanken. Der Mitarbeiter des Bestattungshauses hatte, nachdem – durch einen Fehler bei der Auslieferung – die Ausstellung versehentlich in Dortmund gelandet war, diese dort am Samstag persönlich abgeholt und nach Kronach gebracht.
Die sehr würdig-respektvoll gestalteten Wandtafeln zeigen in ästhetischen, keineswegs voyeuristischen Bildern sowie kurzen Texten die Beweggründe der Menschen für deren Trauertattoos auf. Ob man nun Tattoos mag oder nicht: Die traurigen Geschichten dahinter berühren zutiefst: Trauernde Eltern, die sich ein Portrait, eine Kinderzeichnung oder einen Handabdruck ihres verstorbenes Kindes stechen ließen, dessen Lieblingstier oder gar eine „Hello Kitty“-Figur, weil sie die Tochter so liebte. Ein Mann sucht sich eine bis zur Zahl 13 zurücklaufende Sanduhr als Motiv aus, weil seine Tochter in diesem Alter verstorben war. Eine junge Frau, deren Freund den Freitod gewählt hatte, ließ sich als Trauertattoo ein Bild stechen, das der Verstorbene im Wohnzimmer hängen hatte.
Sichtlich bewegt, gingen manche Besucher stillschweigend betrachtend von einer Tafel zur nächsten, während andere wieder großen Redebedarf hatten und von eigenen Trauerfällen erzählten. Musikalisch umrahmt wurde der offizielle Teil der bis zum 2. Dezember zu sehenden Ausstellung vom „Duo Flair“. Alexandra Förtsch und Ute Fischer-Petersohn hatten hierfür innig-berührende, thematisch passende Lieder ausgewählt.

 

 

Bilder: Das Gruppenbild zeigt (von links) Jochen Gärtner, Doris Rückert-Hauck, Torsten Schönsee (alle Bestattungshaus Schönsee), Vorsitzender Dr. Peter Witton, Ingrid Steinhäußer, Hospizkoordinatorin Brigitte Raabgrund (alle Hospizverein Kronach), Ute Fischer-Petersohn („Duo Flair“), Hospizkoordinatorin Annette Hümmer (Hospizverein Kronach) und Alexandra Förtsch („Duo Flair“)