Zeitungsbericht der Neuen Presse über Nahtoderlebnisse

Kronach Dr. Peter Witton, Vorsitzender des Hospizvereins Kronach,  begrüßte in der Kapelle der Frankenwaldklinik Pfarrer i. R. Bernhard Wolf, der den zahlreichen Zuhörern  die neuesten Erkenntnisse über  das Phänomen der Nahtoderlebnisse näherbrachte.

Pfarrer Bernhard Wolf sagte, dass er sich seit 1978, seitdem er das Buch von Dr. Raymond A. Moody über Nahtoderfahrungen gelesen habe, mit dem Thema beschäftige. Moody machte diese Nahtoderlebnisse in der breiten Öffentlichkeit bekannt.  Er hatte viele Kontakte mit Menschen, die solche Erlebnisse hatten, selbst hatte er noch keine. Bereits 1892 fasste der Schweizer Professor Albert Heim Nahtoderlebnisse von abgestürzten Bergsteigern zusammen, 1972 wurden diese Aufzeichnungen von Moody wiederentdeckt und veröffentlicht. Auf der Basis von verschiedenen gesammelten Berichten entwickelte Moody ein Bild von Nahtoderlebnissen, das bis heute als Standardmodell gilt. Viele Studien sind erfolgt.  In seinem Buch „Endloses Bewusstsein“ respektiert  der holländische Arzt Dr. Pim van Lommelden Forschungsstand.

Bis heute gebe es keine einheitlichen Deutungen, nur Versuche, sie zu deuten, so der Referent.  Erst recht nicht, was die Bedeutung betreffe. Es gebe wohl Hypothesen, aber keine Erkenntnisse. Pfarrer Wolf zitierte einige Stellen aus Moodys Buch. „Der Betroffene hört, wie ihn der Arzt für tot erklärt, nimmt ein Geräusch wahr und hat das Gefühl sich durch einen langen Tunnel zu bewegen, befindet sich außerhalb seines Körpers, aber in gleicher Umgebung, er blickt auf seinen Körper, empfindet viel Glück und Freude und sträubt sich dagegen zurückzukehren…“.

„Moody hat zwölf verschiedene Elemente der Nahtoderlebnisse herausgearbeitet, die meisten Menschen haben nur einige davon“, führte Pfarrer Wolf aus. Das erste Element sei die Unaussprechlichkeit, es wird etwas Unbeschreibliches am Erfahrungshorizont wahrgenommen. Von einem tiefen Gefühl der Liebe und des Friedens berichten die meisten Menschen. Als drittes Element nannte Wolf die Erkenntnis, tot zu sein. Die meisten Betroffenen sind nicht überrascht, hören die Ärzte darüber sprechen. Bei vielen gehört das Verlassen des Körpers dazu, die außerkörperliche Erfahrung. Hier werde noch erforscht, wie es möglich sei, dass das Bewusstsein den materiellen Körper verlasse. Dann folge der Aufenthalt in einem dunklen Raum oder Tunnel, wo manchem ein kleiner Lichtfleck erscheint, der mit großer Geschwindigkeit auf ihn zukomme. Zum Schluss hüllt er ihn ein und er fühlt sich vollständig geborgen. Die sechste Wahrnehmung sei eine prachtvolle Landschaft, dann folge die Begegnung und Kommunikation mit Verstorbenen.  Die achte Erfahrung sei die Begegnung mit einem strahlenden Licht, sehr hell aber nicht blendend. Dieses habe eine große Anziehungskraft, manche würden es Lichtwesen nennen. Hier bestimme oft der religiöse Hintergrund, welcher Name verwendet werde. Als nächste Wahrnehmung sei eine Art Lebensschau oder Rückblick in Anwesenheit der Lichtgestalt zu nennen, jeder Gedanke des Lebens werde erneut bewusst durchlebt, ein Rückblick auf ein ganzes Leben in einem einzigen Augenblick.  Viele berichten auch über einen Ausblick oder Vorschau auf das kommende Leben. „Man hat das Gefühl, einen Teil des Lebens zu überblicken“, zitierte Pfarrer Wolf den amerikanischen Arzt Dr. Moody. Auch das Wahrnehmen einer Grenze, ob dichter Nebel oder Mauer, Tal oder Fluss, werde oft beschreiben. Der Betroffene erkennt, dass man nicht mehr zurückkehren könne, wenn man diese Grenze überschreite. Und er hört oder weiß, dass er noch nicht willkommen ist, noch einmal zurückkehren müsse, weil er noch eine Aufgabe habe.  Als letztes Element beschreibt Moody  die bewusste Rückkehr in den Körper. Man fühle sich von großer Kraft durch den Tunnel zurückgezogen, für die meisten ein unangenehmes Empfinden, eine herbe Enttäuschung, sie wollen nicht zurück.  Nahtoderlebnisse werden als außergewöhnlicher Bewusstseinszustand beschreiben. „Es gibt bis heute keine schlüssige Deutung und Definition von Nahtoderlebnisse“, betonte Pfarrer Bernhard Wolf.

Es gebe zwei gängige Linien an Versuchen, dieses Phänomen zu deuten, und zwar physiologische und psychologische Theorien. Es gebe einige Ansätze, die aber nicht überzeugen würden, diverse Versuche, die nicht zutreffen, und wissenschaftliche Beobachtungen und  Erklärungen, die zu denken geben, aber weiter erforscht werden müssen.  Man spreche beispielsweise von Sauerstoffmangel, der die Gehirnfunktionen beeinflusse.  Auf psychologischer Ebene gehe man davon aus, dass Nahtoderlebnisse  der Beruhigung der natürlichen Todesangst des Menschen dienen.

„Alle von Nahtoderlebnissen Betroffenen betonen, dass diese Erfahrung ganz entscheidend gewesen sei und einen Veränderungsprozess in ihnen ausgelöst habe: sie schätzen das Leben mehr, entwickeln größere Sensibilität, Selbstsucht und materialistische Ansprüche lassen nach, in den meisten Fällen verschwindet die Angst vor dem Tod, das Interesse an Religion und Kirche nimmt ab, die Spiritualität nimmt zu. Es dauert etwa sieben bis acht Jahre, bis die Nahtoderlebnisse ins Leben integriert sind“.

In einer anschließenden Diskussion wurde das Thema weiter erörtert.  Peter Steinhäußer stellte fest, dass die zwölf Elemente an die christliche Geschichte erinnern würden. „Wie sehen das Andersgläubige“, fragte er den Referenten. „In allen Kulturen ist die Jenseitsreise ein Begriff, Ob in Indien, im Buddhismus, selbst im Mittelalter kommen diese Elemente schon vor. Beispielsweise werde das Licht, die Lichtgestalt oder auch das Unaussprechliche unterschiedlich benannt, hier würden die unterschiedlichen Kulturbilder einfließen. „Wenn ich etwas nicht ausdrücken kann, greife ich nach Bildern aus der eigenen Kultur“, so Wolf. Festgestellt wurde, dass sich die Kirche mehr mit dem Phänomen der Nahtoderlebnisse beschäftigen müsse. „Die Theologen sind im Hinblick auf den Tod genauso unsicher wie alle Menschen, sie haben ähnliche Ängste“. Es  würden noch  wissenschaftliche Erklärungen fehlen, zum Beispiel die Frage, wie das Bewusstsein mit dem materiellen Körper zusammenhänge.Der Schulmediziner Dr. Pim van Lommel schreibt: „Unser Bewusstsein ist kein Produkt unseres Gehirns, sondern kann unabhängig von unserem Körper existieren“.bel

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Pfarrer Bernhard Wolf (rechts) referierte über das Phänomen der Nahtoderlebnisse. Eingeladen wurde er vom Hospizverein Kronach mit seinem Vorsitzenden Dr. Peter Witton (links).Foto: Bellazrak

Quelle: Regine Bellazrak, Neue Presse vom 24.10.2012